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Zwischen Ordnung & Unordnung - oder „Ordnung hält ja nur ein Dummer, das Genie überblickt das Chaos“

07. Mai 2012
Annelie Knust
Wohnen & Leben
Dinge & Lagern

„Ja, die Ordnung! Das Dumme ist ja, wenn ich Ordnung halte, ich dann nichts wiederfinde. Im Chaos finde ich es immer! [...] Ja, die Ordnungsfanatiker, da gibt es welche, die meine Unordnung (Pause)“, die 65-jährige Rentnerin Frau Ulrich aus Hamburg bricht plötzlich mitten im Gespräch ab und verdeutlicht per Gestik, welche abschätzige Haltung mancher Besucher beispielsweise beim Betreten ihrer Wohnung ihr gegenüber einnimmt.

Unsere Vorstellungen von Ordnung und Unordnung, so wird hier deutlich, bewegen sich also „in einem gesellschaftlich streng normierten Bereich“1. Wie ordentlich oder unordentlich die räumliche An-Ordnung der Dinge empfunden wird, hängt dabei von subjektiven Vorstellungen und kulturell vermittelten Idealbildern ab. Während Ordnung für das Wahre, Gute, Schöne, Klare und die Entwicklung spricht, bietet das Chaos die Kehrseite an, das Unklare, Verwirrende, Zerstörende, Unheilbringende, Hässliche und den Stillstand. Frau Ulrich ist sich bewusst, dass ihre An-Ordnung nicht der Norm oder dem Regelwerk entspricht. Sie ist vielmehr stolz darauf, anders als die Allgemeinheit zu sein und führt das wohlbekannte, doch etwas von ihr abgewandelte Sprichwort Albert Einsteins an: „Ordnung hält ja nur ein Dummer, das Genie überblickt das Chaos“. Sie berichtet von ihren Versuchen, ein Ordnungssystem einzuführen mit dem Erfolg, dass sie leider ihr System wieder vergaß und damit die Suche nach den Dingen erst recht wieder begann. Ein Grund, weshalb sie bei ihrem 'geordneten Chaos' geblieben ist, denn beim Blick in ihren Lagerraum zeigt sich darin kein verwirrtes 'Durcheinander', sondern sauber aufeinander 'gestapelte' Kartons und Müllsäcke, die zum großen Teil beschriftet sind. Auch in den Kisten selbst herrscht eine klare thematische Ordnung, wie die Beschriftungen zeigen: Porzellan, Gläser, Bettwäsche, Weihnachtsgeschirr, Bücher. Doch nicht auf jeder Kiste ist die Beschriftung lesbar, da die Schrift zum Teil verdeckt oder nicht mehr entzifferbar ist. Auch hat sie nur einen 'groben' Überblick über den Inhalt ihrer Box und der einzelnen Kisten, wie sie kleinlaut zugibt. Manche Kisten beherbergen gemischte Thematiken, wie Gläser und Handtücher, denn Zeit zum 'richtigen' Sortieren, aber auch zur 'korrekten' Platzzuweisung der Dinge in den Kartons und Tüten im Raum hatte sie bisher noch nicht.

Die per Auge wahrnehmbare Ordnung beim Blick in den Lagerraum kann also täuschen, denn die Unordnung bleibt maskiert, verborgen nämlich in den Kartons und Tüten. Ihre Ordnung zeigt sich als 'Trick', sich äußerlich dem Idealzustand anzunähern, indem sie das Durcheinander der Dinge im Innern der Kisten zu verbergen sucht. Obwohl Frau Ulrich betont, sie sei kein Ordnungsfanatiker und habe vielmehr das Chaos bewusst zu ihrem Ordnungssystem erklärt, schafft sie es nicht, sich der Norm zu entziehen und lässt unter dem Deckmantel der Ordnung ihr ungeordnetes Sammelsurium in Kartons und Tüten verschwinden. Auch sie kann sich folglich nicht dem kulturell verankerten Ordnungs- und Unordnungsempfinden entziehen.

Störungen in der Gliederung und Gerichtetheit des Raumes, da die Dinge jetzt vielleicht kreuz und quer, anscheinend zusammenhanglos sich darin befinden, stört nicht nur unseren antrainierten Ordnungssinn, sondern auch unseren Orientierungssinn. Ich muss dann erst wieder 'aufräumen', mir durch Ordnung wieder klare, übersichtliche, mir vertraute und damit beherrschbare und kontrollierte Raumverhältnisse schaffen.
 

1 Wettstein 2005, S. 68.

Annelie Knust

Annelie Knust studierte Empirische Kulturwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Kunstgeschichte auf Magister an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihre Abschlussarbeit "Zum Wegwerfen zu schade?" im Fach Empirische Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland-Institut handelt von Menschen, ihren Dingen und ihren Erfahrungen mit deren Speicherung bzw. Einlagerung bei „Self Storage–Firmen“ (Selbstlagerzentren). Seit April 2013 arbeitet Annelie Knust als Assistenz im Museum "Fondation Beyeler" in Basel.

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