Vom Lagern des Nutzlosen und Unentbehrlichen

Wissenschaftlicher Blog beschäftigt sich seit fünf Jahren mit neuer „Kultur des Wohnens“

Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt etwa 10.000 Gegenstände. Lagerfläche ist jedoch vor allem in modernen Großstädten, wo jeder Dachboden zum teuren Loft saniert wird, Mangelware. Wohin mit den vielen Dingen? Seit einiger Zeit beschäftigen sich Studenten und Wissenschaftler mit dem Trend „Selfstorage“ und auch die Kunstszene ist auf das Phänomen aufmerksam geworden. Der Blog „Platzprofessor“, den der Lagerraumanbieter  MyPlace-SelfStorage gemeinsam mit der Humboldt-Universität zu Berlin ins Leben gerufen hat, bietet seit fünf Jahren ein interdisziplinäres Forum zur urbanen „Kultur des Wohnens“.

Kunst in der Garage

Eine verrostete Gießkanne, alte Putzmittel und Kartons mit Füllwerk - Gegenstände, die sonst nur aus der heimischen Garage bekannt sind, waren im Herbst letzten Jahres Hauptakteure in einem Projekt des Künstlers Dominik Nostitz. In seinem Blogbeitrag „Über neue Räume und die Idee des Lagerns von Ordnung“, in dem er über seine Installation in einem MyPlace-Lagerabteil schreibt, beschäftigt er sich mit unserer Beziehung zum Nutzlosen und Unentbehrlichen. „Jedes Anbringen und Aufstellen vermittelt ein Gefühl von Befreiung und gibt dem Objekt eine neue Chance auf Sinnfüllung“, so der Wiener Künstler. Das Lagern beschreibt er als „Neuanfang für die angesammelten Dinge“. Die flexible Vermietung von Lagerabteilen erfährt seit vielen Jahren auch in Deutschland großen Zulauf. Besonders in Großstädten, wo Platz Mangelware ist und jeder Quadratmeter kostbaren Wohnwert besitzt, ist das Konzept erfolgreich.

Wissenschaft beobachtet Trend „Selfstorage“

Im Gegensatz zur Kunst beschäftigen sich Forschung und Wissenschaft schon seit geraumer Zeit mit dem Phänomen Selfstorage. Seit fünf Jahren bietet das Unternehmen MyPlace-SelfStorage in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin jungen Wissenschaftlern und Studenten auf dem Weblog „Platzprofessor“ eine Plattform für Abschlussarbeiten und Forschungsprojekte zum Thema „Platz“ und „Raum“. Soziologen und Architekten schreiben dort etwa über das Lagern als „Phänomen einer Konsumgesellschaft“ oder die städteplanerischen Auswirkungen von Lagerhäusern. Die Dienstleistung rückt damit in den Fokus der Wissenschaft. Die Soziologin Carmen Keckeis konstatiert in ihrer Diplomarbeit etwa das urbane Phänomen Selfstorage als Auswirkung einer „Pluralisierung der Lebensstile“.

Das Lagern erfüllt zugleich eine emotionale Funktion. Ein Lagerabteil ist ein kostbarer Ort für Dinge, die keinen Platz in den eigenen vier Wänden, jedoch einen entscheidenden Wert für unser Leben haben. Alte Erbstücke, die nicht in die puristisch eingerichtete Wohnung passen, aber einen emotionalen Wert besitzen, finden in den Abteilen eine sichere Verwahrung. Geschäftsleute können Akten auslagern und somit eine räumliche wie psychologische Trennung von Beruflichem und Privatem vollziehen.

Die Soziologie des Lagerns: Ich lagere, also bin ich.

Der Besitz von Gegenständen ist in unserer Zeit längst einem rationalen Grund entwachsen. Dinge definieren uns, so etwa der alte Bauernschrank, der die Geschichte der eigenen Herkunft erzählt. Die Lebensstile der Konsum- und Erlebnisgesellschaft machen es notwendig, Platz für Gegenstände zu schaffen, die für unseren regulären Tagesablauf keine Rolle spielen. Das Snowboard, die Tauchausrüstung oder die sorgfältig aufgebaute Playmobilsammlung eines 40-Jährigen sind heutzutage nicht nur Hobbys, sondern Symbole, die das Image oder die Persönlichkeit definieren.

Diesen Gesellschaftsdiagnosen möchte das interdisziplinäre Projekt eine Plattform bieten: „Der Blog soll Lagerplatz für Informationen und Kommunikationen, Marktplatz für Begegnungen und Verhandlungen, Schauplatz für Meinungen und Positionen sein“, schreibt Professor Wolfgang Kaschuba, Mitinitiator des Blogs, in seinem Vorwort. Seit fünf Jahren ist das Projekt nun online und erfährt seit seiner Gründung reges Interesse von Medien und Wissenschaft. Über 90 Beiträge wurden inzwischen auf dem Blog veröffentlicht: darunter ein Dutzend wissenschaftlicher Werke, sowie Linktipps und Buchempfehlungen zu Fragen des Wohnens, des Raums und der Veränderung von Stadtkultur. Der Weblog „Platzprofessor“ wie auch die Installation von Dominik Nostitz sind damit direkte Zeugnisse einer sich verändernden „Kultur des Wohnens“ geworden.

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